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OP December 22, 2008

Filed under: general — perialis @ 18:41

Heute war ein sehr interessanter Tag. Mein Schwiegervater Janis war so nett mich einen Tag mit auf seine Arbeit zu nehmen. Er ist hier in Dar es Salaam in Tansania plastischer Chirurg.
Heute waren auf dem Tagesplan die Visite bei den Fistelpatientinnen und dann zwei Operationen. Eine gespaltene Lippe und eine Hauttransplantation. Ich war mir sehr unsicher wie ich die Operationen verkraften würde und habe mir schon genaue Anweisungen geholt, wie ich mich verhalten soll wenn es mir schwindelig oder übel wird. Musste aber nichts davon anwenden. Ich fand es sehr hilfreich, dass von den Patienten alles abgedeckt wird und nur die kleine Stelle, die operiert werden muss, offen bleibt. Das abstrahiert das Ganze bis zu dem Punkt wo man gar nicht mehr daran denkt, dass da ein Mensch unter dem Tuch liegt. Das hat es einfacher gemacht und ich konnte bei allen OPs dabei bleiben.
Die Umstände sind hier ziemlich anders als in Deutschland. Die Patienten wurden in den OP-Raum getragen (gut, es waren auch Kinder, bei Erwachsenen wird das vermutlich anders gelöst) und bekommen erst dort ihre Narkose. Der eine Junge hat Zeter und Mortio geschrien vor Angst und durfte sich zur Beruhigung die Narkose selbst verabreichen (danach hat er sich wieder entsapnnt :-). Ich hab keine Erfahrung wie es in Deutschland in OP-Räumen zugeht, aber hab mich schon etwas gewundert, dass sogar während der OPs ein ständiges Kommen und Gehen im OP ist, es wird Radio gehört, Handys klingeln (und werden abgenommen). Merkwürdig fand ich auch, dass alles in einen Müllsack geworfen wird. Sogar menschliche Überreste wie z.B. Hautteile. Ich frag mich ob die Überreste der Beinamputation, bei der ich später hätte zugucken können, auch einfach im Müll landen (die OP hab ich dann doch abgesagt, das wär noch mal ne Stufe heftiger gewesen). In Deutschland wird da glaube ich etwas ordentlicher getrennt, naja, wir sind halt auch das Land der Mülltrennung…
Ich hatte überhaput keine Vorstellung davon wie ein Mensch wohl von innen aussieht. Denkt man ja auch nicht so oft drüber nach, ich jedenfalls nicht. Aber nun kann ich sagen: eigentlich nicht groß anders als das Hühnchen, das ich gestern Mittag verspeist habe. Haut, Fett, Muskeln, alles aneinandergewachsen. Nur ist von innen alles etwas röter (und in den beiden heutigen Fällen von außen etwas brauner).
Was mir gut gefallen hat, ist dass Janis mit seinem Team für jeden Patienten betet. Nachdem die Adrenalinspritze gegeben wurde muss man eine Weile darauf warten, dass die Wirkung einsetzt (die Wirkung ist, dass das Adrenalin die Blutgefäße zusammenzieht, sodass die Gegend nicht so stark blutet). Diese Minute nutzen sie um für denjenigen zu beten, der auf dem Tisch liegt. Solchen Ärzten würde ich mich auch gerne anvertrauen. Da merkt man, dass es nicht nur ein Job für sie ist, sondern dass ihnen die Menschen am Herz liegen.

gebet

Wer nicht gut Blut sehen kann sollte hier vielleicht besser aufhören zu lesen weil ich jetzt noch was zu den OPs schreiben will. Ich muss jedoch gestehen, dass Bilder nicht wiedergeben können, was man dort wirklich erlebt. Es war total spannend und auf den Bildern sieht man halt nur Momentaufnahmen. Auch finde ich, dass die Bilder unangenehmer anzusehen sind als die Live Version.

Die Patientin mit der gespaltenen Lippe war noch ein Baby. Das ist ein angeborener Defekt, den viele Eltern jedoch leider nicht operieren lassen, sodass sich sogar Erwachsene noch mit gespaltenen Lippen quälen. Überhaupt kommen viele Leute hier viel zu spät ins Krankenhaus. Entweder weil das Krankenhaus ihnen zu weit weg ist, sie nicht genug Geld für eine OP haben oder auch weil sie nicht wissen, dass man manches Problem mit einer OP beseitigen kann. Das ist z.B. bei den Fistelpatientinnen der Fall. Fisteln sind Löcher in der Blase, die z.B. bei einer komplizierten (Haus- oder eher Busch-)Geburt entstehen können. Die Frauen können ihren Urin dann nicht mehr bei sich behalten, die sozialen Auswirkungen davon kann sich wohl jeder vorstellen. Dabei kann man mit einer OP die Probleme ziemlich schnell beheben.
Die gespaltene Lippe ist eine relativ kurze OP, ca. eine Stunde. Als erstes muss der Abstand zwischen je einem Nasenloch und der Lippe gemessen werden, wichtige Referenzpunkte werden mit Tinte aufgemalt und die wichtigsten sogar mit einer in Tinte gestupsten Nadel “tätowiert”. Dort wo die Spalte ist fehlt ein Stück Haut, was durch einen Zickzackschnitt geweitet wird. Dann wird der Muskel in der Lippe von der Haut abgetrennt, aneinandergenäht und dann die Haut zusammengenäht. Fertig :-)

Vorher Nachher
lippe-vorher1 lippe-nachher1

Der zweite Patient war ein Junge, der eine Entzündung im Knochen hatte. Er hatte schon eine OP bei der ihm ein anderer Arzt die Entzündung entfernt hatte. Der Muskel vorne war auch betroffen und wurde von einem Teil des Wadenmuskels ersetzt. Die Wunde wurde nicht zugenäht verbunden und Janis Aufgabe war heute, neue Haut über die Stellen vorne und hinten am Bein zu flicken. Und flicken ist wirklich der richtige Ausdruck. Das war ein einziges Geschnipsel!

bein1

Als erstes musste das Granulat auf den Wunden abgeratzt werden (die Quasihaut, die sich auf den Wunden bildet). Das war das schlimmste, was ich heute gesehen habe. Das waren total hubbelige Stellen, die dann mit dem Skalpell wieder ganz wund geratzt werden mussten. Ein einziges Blutbad mit Klumpen drin… Bilder erspare ich euch.
Dann wurde die benötigte Haut mit einem Messer am Oberschenkel abgeschnitten. Dabei werden Streifen von ca. 0.3mm Dicke abgesäbelt und danach ich einer Nierenschale in Flüssigkeit aufbewahrt. Wer hätte gedacht, dass braune Haut von unten weiß ist?

bein2
haut

Heute wurden 4 Streifen benötigt. Die Wunden, die dabei am Oberschenkel entstehen heilen wieder von alleine und die Haut, die dort nachwächst, ist fast genauso wie die ursprüngliche.
Danach wurden die Hautstreifen auf eine Nierenschale von hinten gelegt und eingeritzt, sodass sich die strefen in die Breite dehnen lassen. Somit kann ein kleines Stück Haut über eine bis zu viermal so große Wunde genäht werden. Die Ritzer verheilen von alleine.

haut2

Die Hautstücke werden dann so auf die Wunde gelegt, hin und her gezuppelt, zurecht geschnippelt und festgenäht wie man es halt braucht.

bein3

Da wurde mir erst richtig klar, dass Operieren auch “nur” ein Handwerk ist. Dadurch, dass man oft nicht sieht oder versteht was Ärzte wirklich tun, wird ihr Beruf oft mystifiziert. Dabei ist das auch alles Arbeit mit den Händen. Dienjenigen, die geübt sind oder Talent haben, können es auch besser als die anderen.
Insgesamt ein interessanter, aufschlussreicher Tag. Schade, dass die Ausbildung zum Arzt so lange dauert. Es muss schön sein, Menschen auf einer täglichen Basis das Leben so bedeutend verbessern zu können. Ob mir das in der Personalentwicklung auch gelingen wird?
Schwester Sophia

janis-soso

PS: Wie fasziniert ich von den Erlebnissen dieses Tages bin beweist, dass dieser Post online ist, obwohl ich dank der afrikanischen Verbindung 3 Stunden dafür gebraucht habe.

 

2 Responses to “OP”

  1. vielen dank sophia für den detailierten bericht über das handwerkliche treiben im op.
    freu mich schon auf deine live berichte

  2. Siegfried Says:

    So befriedigend es für einen Arzt sein muss, jemandem geholfen zu haben, bin ich doch ganz dankbar, dass meine Patienten elektronischer Natur sind. Die brauchen auch manchmal Geflicke, ist aber irgendwie ästhetischer anzusehen…


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