Ich bin eine Rassistin.
Dieser ungemütliche Gedanke kam mir bei der Vorbereitung meiner letzten Abschlussprüfung zum Thema „Critical Whiteness Studies“ immer wieder. Er ist ein Gedanke, der verbunden ist mit dem Gefühl des „ertappt“ werdens bei Dingen, die man nicht denken „darf“ und Gefühlen, die „böse“ sind. Aber was bedeutet Rassismus überhaupt?
Bis ins 17. Jahrhundert wurde der Begriff der Rasse nur auf die Tier- und Pflanzenwelt angewandt. Der Arzt Francois Bernier war der erste, der das Konzept von Rassen auch auf Menschen übertrug, allerdings war der Begriff in diesem Zusammenhang von Anfang an mit einer Wertung verbunden. Die darauf gründenden Rassentheorien dienten während der europäischen Kolonialzeit bis ins 20. Jahrhundert als Rechtfertigung für Ungleichheitspolitik, Ausbeutung und Sklavenhandel. Die dabei angewandte Taktik ist relativ simpel: ein (meist) sichtbares menschliches Merkmal wird ausgewählt, dichotomisiert und als „naturgegebenes“ Kriterium der Unterscheidung benannt, dem dann soziale und kulturelle Eigenschaften zugeschrieben werden. Die Unterschiede werden verallgemeinert und lassen sich so auf einer Werteskala abbilden, in die Menschen eingeordnet werden. Dabei schien von Anfang an klar, dass „die weiße Rasse“ am oberen Ende dieser Skala angesiedelt war. Das „Weiße“ wurde zur Norm etabliert, das andere zum „Anderen“. Diese vereinfachte Darstellung der Menschheit in Gut und Schlecht spiegelt einen Herrschaftsmechanismus wieder, der noch heute präsent ist.
Rassismus ruft bei mir als erstes eine Assoziation zu Rechtsradikalen hervor, zu einigen Wenigen, die Ausländerfeindliches denken und tun. Rassismus darauf zu begrenzen vernachlässigt jedoch eine breite Masse an (teils unbewussten) Nutznießer der gegenwärtigen Herrschaftsverhältnisse in den Routinen und Strukturen des Alltags. Rassismus ist nicht nur Ideologie, sondern auch eine soziale Struktur, die solche Menschen bevorteilt, die dem gesellschaftlichen Standard dessen, was „normal“ ist, nahekommen.
Der jahrhundertlange Versuch, menschliche Rassen biologisch zu beweisen, ist gescheitert. Doch dadurch haben sich nicht automatisch alle mit dem Thema verbundenen Probleme aufgelöst oder geklärt. Collette Guillaumin sagte diesbezüglich: „Race does not exist – but it does kill people “. Der „racial turn“ weist auf eine Evolution des Rassenbegriffs hin, weg von einem biologistischen Konstrukt, hin zu einer sozialen Position, hin zu einem „Rassismus ohne Rassen“. Heutzutage findet sich Rassismus z.B. versteckt wieder im Kulturalismus. Hier werden Kulturen nicht als etwas historisch Entstandenes und Veränderliches gesehen, sondern als etwas natürlich Gegebenes, das es zu bewahren gilt. So wird der Kulturbegriff zum funktionalen Äquivalent des Rassenbegriffs.
Die Rassentheorien deklarierten den „Weißen“ zur Norm und legitimierten so Kolonialaktivitäten, die den „Wilden“ Kultur und Zivilisation bringen sollten. Ideologien dieserart waren in ganz Europa populär und so erschaffte Europa im Kolonialismus kleine Ableger seinerselbst in anderen Ländern mit einer Selbstverständlichkeit, die auf eurozentrischer Wissenschaft, Moral und Ethik basierte und Europas Vormachtstellung in der Welt rechtfertigte. Auch heute ist eine Sichtweise, in der außereuropäische Kulturkreise auf Grundlage europäischer Werte und Normen beurteilt werden, weit verbreitet. Im Postkolonialismus-Diskurs werden diese Einstellungen thematisiert, sowie Strukturen und Kultur in und nach der Kolonialzeit, bezogen auf die Kolonialisatoren sowie die Kolonisierten, untersucht.
Zentrales Thema bei Rassismus, sowie Postkolonialismus sind Dominanzverhältnisse. Diese werden z.B. offensichtlich bei den Fragen, wer über wen redet oder bei wem die Macht liegt, den „Anderen“ durch Worte und Festlegungen zu bestimmen.
Basierend auf diesen beiden Themenfeldern (Rassismus und Postkolonialismus) entwickelten sich in den 90er Jahren die Critical Whiteness Studies (deutsch: kritische Weißseinsforschung). Lange thematisierte Forschung zu Rassen vor allem Schwarze und deren kulturelle Identität. 1992 wies Toni Morrison auf die Einschränkungen hin, die durch eine Beschränkung auf die Objekte der Herrschaftsprozesse (die Entmächtigten) verursacht würden. Für eine umfangreichere Analyse sei auch ein Einbezug der Subjekte (der Machtinhaber) und deren Verbindung zu der Thematik in Betracht zu ziehen. Sie plädierte also für einen Perspektivenwechsel, der die „Norm“ ins Zentrum der Analyse stellen sollte. Auch wenn ein Austausch über „weiße“ Rituale und Handlungsmuster nichts Neues ist (denn diese werden schon seit Jahrhunderten in „schwarzen“ Wissensarchiven gesammelt), so wurde daraus erst in den 90er Jahren ein wissenschaftspolitischer Diskurs.
„Whiteness“ ist eine relationale Kategorie, d.h. sie bekommt ihren Sinn in der Dichotomie zum „Nicht-Weißsein“, dem „Schwarzsein“. Dabei stellt sie keine „naturgegebene“ Kategorie dar, die Individuen oder Gruppen anhand biologistischer Merkmale unterscheidet. Vielmehr geht es um eine soziale Konstruktion von scheinbaren Unterschieden, auf deren Basis privilegierte „Weiße“ ihre Vormachtstellung einnehmen und ausbauen können. Man wird somit nicht „weiß“ oder „schwarz“ geboren, sondern dazu gemacht. „Weißsein“ ist also eine Machtposition, ein Ort der Privilegierung, der neben anderen sozialen Kategorien wie Religion, Geschlecht, Staatsangehörigkeit, Bildung, etc. existiert und sich mit ihnen überschneiden kann.
Mechanismen der „weißen“ Privilegierung gibt es viele.
„Weißsein“ wird von „Weißen“ oft weder wahrgenommen noch thematisiert. Hier fängt die Privilegierung schon an. „Schwarze“ haben nicht die Möglichkeit zu wählen, ob sie sich mit diesem Thema auseinandersetzen wollen. Es wird ihnen von den gesellschaftlichen Umständen unmöglich gemacht, ihr „Schwarzsein“ nicht wahrzunehmen.
Werden „Weiße“ auf ihr „Weißsein“ angesprochen, wollen sie sich oft nicht dazu bekennen, da viele negative Konnotationen damit verbunden sind. Ein beliebter Fluchtweg geht von dort in die „Farbenblindheit“, wo behauptet wird, dass doch alle Menschen gleich seien und deshalb „Weiß-„ und „Schwarzsein“ keinerlei Bedeutung hätte. Eine solche Sichtweise ist kritisch, weil durch sie „Schwarzen“ deren Anrecht auf Probleme abgesprochen wird, die sie real erleben, mit der Begründung, dass es diese nicht geben „kann“.
Ein Grund, weshalb „Weißsein“ im „weißen“ Deutschland kaum thematisiert wird, ist der Fakt, dass „Weißsein“ als Norm gesehen wird und somit in den Hintergrund tritt. Auf fällt das, was „anders“ ist. Die Konstruktion von „Anderen“ bringt mit sich, dass diese nicht als Subjekte gesehen werden, sondern ausschließlich als Objekte des „Andersseins“. Dabei wird das eigene Fremde und Unheimliche auf die „Anderen“ projeziert, was die Distanz zwischen den Gruppen noch erhöht.
Die Zugehörigkeit zur Gruppe der „Weißen“ sichert den Zugang zu Ressourcen wie Einkommen, Bildung und beruflichen Status, die den „Anderen“ mehr oder weniger verwehrt bleibt. Dies sichert die „weiße“ Vormachtstellung und perpetuiert sie.
Kritisch zu sehen ist außerdem, dass die Existenz rassistischer Einstellungen an sich für viele gar kein Problem darzustellen scheint, sondern erst die „Anderen“, die rassistische Handlungsmuster auslösen. So wird beispielsweise die Existenz von „weißen“ Wohngebieten nicht als problematisch eingestuft, wohl aber ein geplanter Zuzug eines „Schwarzen“ in dieses Gebiet. Probleme werden auf diesem Weg von den Dominierenden auf die Dominierten verschoben. Diese haben nicht nur unter den Auswirkungen dieser Probleme zu leiden, es wird ihnen außerdem vermittelt, dass sie für diese Probleme selbst verantwortlich seien. Schließlich sind ja sie es, die „anders“ sind und damit den „Normalen“ Angst einflößen.
Die Critical Whiteness Studies thematisieren also Problematiken in und von konstruierten sozialen Ungleichheitsverhältnissen.
Zurück zu meiner Ausgangsbemerkung „Ich bin eine Rassistin“. Ist diese wahr?
Nein, ich bin keine Rassistin. Zumindest nicht in der alltagsüblichen Bedeutung des Wortes, das mit Rechtsradikalismus und Ausländerfeindlichkeit verbunden wird.
Und doch:
Ja, ich bin eine Rassistin. Ich ertappe mich immer wieder bei Gedanken und Gefühlen meiner „weißen“ Überlegenheit. Ich hege Vorurteile, Ängste und Phantasien, durch die ich als „Weiße“ „Schwarze“ markiere, positioniere und dadurch meiner Gewalt aussetze. Ich wähle viel zu oft den einfachen Weg, der mir durch eine „weiße“ Hegemonialstellung vorbereitet wurde und versuche nicht bewusst Privilegien zurückzuweisen, die mir strukturell im Alltag gewährt werden. Ich bin eine „Weiße“, die sich all zu lange bewusst und unbewusst durch Passivität mitschuldig daran gemacht hat, dass Ungleicheitsverhältnisse in Deutschland erhalten bleiben.
Um Verantwortung für die eigene Privilegiertheit übernehmen zu können, muss man diese erst einmal wahrnehmen. Dieser Prozess ist bei mir durch mein Studium angestoßen worden. Doch er kann nicht hier enden. Der Weg zur Auflösung dieser Verhältnisse führt vorbei an vielen Individuen, die ihre Position dafür einsetzen, Aufklärung über die strukturelle Privilegierung „Weißer“ zu betreiben. Ein solches Individuum möchte ich sein. Als Teil dieser Gesellschaft möchte ich Verantwortung übernehmen für die historisch durch meine Vorfahren entstandenen und von mir ausgenutzten Dominanzverhältnisse. Als Pädagogin möchte ich aktiv werden und als Multiplikatorin das Wissen um meine „weiße“ Privilegierung in meinem Bekanntenkreis verbreiten. Dieser Artikel ist ein erster Schritt in diese Richtung.